Grand Hotel aus dem Bilderbuch
Pelz, Privatjets und Snobs: Kein Wunder finden viele St.Moritz dekadent. Aber den weltbekannten Skiort darauf zu reduzieren wäre falsch. Davon konnten wir uns im Carlton Hotel überzeugen, einem Grand Hotel wie aus dem Bilderbuch.
Auf dem Flügel spielt der Pianist dezent den Coldplay-Klassiker «Yellow», das Feuer knistert im Kamin und durch die hohen Fenster der geschichtsträchtigen Bel-Etage des noblen Carlton Hotel scheint die Sonne in den prächtigen Saal.
Wir sitzen auf einem ledernen Clubsofa, schauen auf den gefrorenen St. Moritzersee hinunter und geniessen aus noblem russischem Porzellan englischen Afternoon Tea. Der Kellner, klassisch in schwarzen Hosen und weissem Hemd, schenkt uns ein Glas Champagner ein.
180 Kilometer von Zürich entfernt bleibt die Zeit stehen
Im Carlton scheint die Zeit still zu stehen. Wo andere Skiorte auf eine moderne und durchgestylte, aber auch eine austauschbare Hotellerie setzen, lebt 180 Kilometer von Zürich entfernt die traditionelle und kultivierte Eigenart der luxuriösen Grand Hotels aus einer anderen Epoche weiter. Und das übrigens nicht nur im Carlton, sondern auch im Survetta House, im Badrutt’s Palace, im Kulm und im Kempinski.
Wer deswegen eine dicke Staubschicht auf dem majestätischen Haus erwartet, das übrigens mit dem Zarenwappen als Insignien des aristokratischen Luxus kokettiert, liegt falsch. Vielmehr zelebriert das Hotel ganz bewusst den geschichtsträchtigen, üppigen Luxus der oberen Zehntausend – und schafft so einen herrlichen Kontrastpunkt zum Zeitgeist.
Frisches Blut in alten Gemäuern
Und trotzdem entwickelt sich das Hotel weiter – gemeinsam mit dem Skiort. Da ist beispielsweise der junge Hoteldirektor Philippe Clarnival, der das Traditionshaus letztes Jahr übernommen hat und frisches Blut in die altehrwürdigen Gemäuer des Hotels bringt.
Clarinval steht für einen neuen Schlag von Hoteldirektoren, die dem altehrwürdigen Luxus frisches Leben einhauchen. Er ist überzeugt: «Die Zeit der klassischen Grandhoteliers ist vorbei. Es reicht nicht mehr, sich auf seinen Lorbeeren auszuruhen. Heute braucht es frische Ideen und junges Blut um die anspruchsvollen Stammgäste zu behalten und neue dazu zu gewinnen».
Die Zeit der klassischen Grandhoteliers ist vorbei. Heute braucht es selbst in traditionellen Häusern frische Ideen und junges Blut.
Das heisst für Clarinval aber nicht, dass sich der traditionelle Charakter des Hotels verändern müsse. «Die Gäste schätzen das Hotel, so wie es ist. Gerade auch weil sie hier ihre Ruhe haben und Entspannung finden». Die Erneuerung liegt vielmehr in kleinen Details, wie eben dem Pianisten, der auf der Bel-Etage Coldplay statt Mozart spielt.
St. Moritz Gourmet Festival und Da Vittorio
Wer seinen Hotelgästen ihre Ruhe gönnt, der will sie natürlich auch keinem Veranstaltungsmarathon aussetzen. Deswegen ist die einzige öffentliche Veranstaltung im Carlton das St. Moritz Gourmet Festival. Dann geht es in dem noblen Hotel allerdings hoch zu und her und es herrscht Ausnahmezustand in der Küche und im ganzen Haus.

Ganz schön fotogen: Der italienische Spitzenkoch Enrico Cerrea herrscht über das Restaurant Da Vittorio im Carlton Hotel.
Das Festival ist kulinarische Spitzenunterhaltung für die Gäste. Und das bereits seit 25 Jahren. Alljährlich bringt die Veranstaltung die Koch-Weltelite ins Engadin und positioniert St. Moritz als führende Gourmetdestination. Das macht die Wintersaison attraktiv und bringt ein neues Publikum in den Ort. Da hat natürlich auch das Carlton nichts dagegen.
Dem Festival verdankt das Hotel auch seine enge Beziehung zu den beiden Spitzenköchen Enrico und Roberto Cerrea, die im italienischen Brusaporto das 3-Sterne-Lokal Da Vittorio betreiben. Immer in der Wintersaison eröffnen sie im Carlton ihre Dépendance und bringen ihre erfolgsgekrönte Küche ins Engadin. Und damit die Qualität auf dem Teller das gleich hohen Niveau hat wie in Italien, steht immer einer der beiden Cerrea-Brüder in der Carlton-Küche.
Solider Luxus und kulinarischer Genuss
Zwar sind Pelz, Privatjets und Snobs noch immer untrennbar mit der Bergdestination verbunden. Den Charme und die Einzigartigkeit von St. Moritz aber macht etwas anderes aus.
Als wir letztes Jahr ein Wochenende im Carlton verbracht haben, haben wir nicht nur unsere Leidenschaft für die einzigartige und konservierte Form der Luxushotellerie entdeckt. Auch unsere Wahrnehmung von St. Moritz, das wir lange als leicht angestaubt wahrgenommen haben, hat sich bei diesem Aufenthalt gründlich geändert.
Dabei fiel es uns wie Schuppen von den Augen: Wer hier her kommt, der sucht keinen hippen Alpine-Chic, sondern will altehrwürdigen und unvergänglichen Luxus erleben.
Waren es früher, wie es böse Zungen gerne behaupten, Bankgeheimnis und Steuerhinterziehung, die den Erfolg von St. Moritz zu einem erheblichen Teil ausgemacht haben sollen, ist es heute die einmalige Aura des Nobelortes mit seiner traditionellen Hotellerie, seiner bewegten Geschichte, dem einzigartigen Angebot an Spitzengastronomie und der unvergleichlichen Schönheit des Engadins.
Majestätisch imperfekt
Dabei ist auch im Carlton lange nicht alles perfekt. Weil das Hotel nur zwischen Dezember und März geöffnet ist, müssen bei jeder Saisoneröffnung unzählig neue Mitarbeiter lernen, für was das Hotel steht und weswegen die Gäste gerade hier her kommen.
Resultat: Die Abläufe sind nicht immer ganz so geschliffen, wie in einem gut eingespielten Fünfsternehotel einer geschäftigen Grossstadt. Da wird schon mal ein anders bestellter Tee eingeschenkt (selbst wenn der Hoteldirektor am gleichen Tisch sitzt – und sich verständlicherweise mächtig darüber enerviert) oder beim Frühstück eine Bestellung vergessen. Das fällt dem Gast sicherlich auf, aber in der entspannten Atmosphäre seiner Weihnachtsferien reagiert er darauf sehr viel milder, als er das auf einer Geschäftsreise tun würde.
Vielleicht gehört das Carlton ja gerade wegen seiner Imperfektion zu den faszinierendsten Luxushotels, die die Schweiz zu bieten hat.
Im Carlton Hotel kocht am 13./14./15. Januar 2018 der niederländisch-indonesische Gastkoch Syrco Bakke (1 Michelin Stern). Er wird als kreativer Superstar gehandelt und ist für die NZZ der erste Grund, an das Festival zu reisen.
Adresse
Carlton Hotel
Via Johannes-Badrutt 11
7500 St. Moritz
Tel. +41 81 836 70 00
carlton-stmoritz.ch
(Fotos: Carrie Meier-Ho)
[wpgmza id=»38″]Disclaimer: Auf Einladung der Tschuggen Hotel Group haben wir im Rahmen einer Medienveranstaltung im Dezember 2017 zwei Nächte im Carlton Hotel St. Moritz verbracht.









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